11.032015 17:00
IRIT DECKEL & ELDAD ZITRIN TRIO

FEAT: ELAT COHEN BONEN
"LAST OF SONGS"
Irit Deckel : Gesang Eldat Zitrin : Piano, Akkordeon Elat Cohen Bonen : Percussion, Schlagzeug
Irit Dekel & Eldad Zitrin
Wie könnte er wohl aussehen, der vielleicht schönste, zumindest aber aufregendste Tag Ihres Lebens? Eventuell ja so: Sie frühstücken ganz légèr im Pariser Marais, suchen sich zum Lunch eine leicht verruchte Bar am Berliner Alexanderplatz der Zwanziger, gastieren dann am Nachmittag in einem Café am Wiener Burggraben, tanzen später ein wenig Tango in der Altstadt von Buenos Aires, lauschen im New York der frühen Fünfziger einigen Jazz-Koriphäen beim Whisky straight und dinieren dann koscher zu orientalischen Klängen unweit von Jerusalems Klagemauer. Nicht zu machen an nur einem Tag, meinen Sie? Da sind wir seit Kurzem aber völlig anderer Meinung, das geht nämlich sogar in viereinhalb Minuten, inklusive der sagenhaften Sprünge durch die Dekaden. Dazu braucht es nur einen der zwölf Songs, welche Irit Dekel und ihr musikalischer Partner Eldad Zitrin jetzt auf ihrem Album „Last Of Songs“ verewigt haben. Sie müssen sich lediglich den richtigen heraus suchen, mit dem nächsten nämlich begibt sich die Weltreise schon wieder auf gänzlich anderer Route hinaus aus der schnöden Wirklichkeit.
Es geht natürlich auch einfacher. „Wir glauben ja fest daran“, sagt Eldad Zitrin, „dass man auf all diese irgendwie magischen Orte an einem einzigen Platz in dieser Welt treffen kann: In Jerusalem“. Dort leben der Multiinstrumentalist, Songwriter und Arrangeur und die Sängerin, dort entstand auch „Last Of Songs“, und dort wäre wohl letztlich nach den vielen, scheinbar unergründlichen Geheimnissen hinter der Musik der beiden zu suchen. Dabei gründet sich ihr verwunschenes, märchenhaftes und offenbar verzaubertes musikalisches Universum durchaus auf Songs, die gemeinhin „Standards“ zu nennen sind und meist dem Genre Jazz entspringen. Titeln wie „No More Blues“ oder „Willow Weep“ allerdings, so dürfen wir hier erleben, sind ungeheuer tiefgründige oder eben auch überraschend unterhaltsame Seiten durchaus noch abzugewinnen. Weshalb ist das bloß bislang noch niemandem so vielfarbig und facettenreich gelungen wie diesen beiden Überzeugungstätern? Irit Dekel lächelt, ihr Partner erklärt derweil Jerusalem zum wahren Melting Pot dieser Welt und ergo auch ihrer Songs und Arrangements. „Im Grunde“, sagt er, „könnte man noch viel weiter denken. Stell’ dir einfach einen Jazzclub in Persien oder eine Oriental Vibe Outdoor Show im Central Park New Yorks vor“. Und das müsste noch längst nicht das Ende der Fahnenstange sein, hinreichend viele Fingerzeige in eine kulturell heute vielleicht noch abenteuerlich erscheinende Zukunft enthält schließlich schon Dekels und Zitrins Album. Man höre sich nur „Get Happy“, diese exotisch tönende, cinematographisch angelegte Ode an, zu der sich den passenden Film zu ersinnen zwar leicht fällt, aber auch an Blasphemie grenzt. Man müsste immerhin den morgenländischen Muezzin mit der Erotik des Tangos und den Pop mit dem jüdischen Martyrium aus Jahrtausenden verbinden, bis das Ganze am Ende auch noch zur Titel-Melodie des nächsten James Bond-Blockbusters taugt. Wir dachten angesichts dieser eigentlich unmöglichen und gerade deshalb so faszinierend wundervollen Musik an einen großartigen, jüdischen Witz. Da fragt ein Mann seinen Freund, der ständig per Schiff von New York nach Israel und wieder zurück reist, welches denn sein liebster Platz wohl wäre. „Naja“, sagt der, „das Schiff natürlich“. Eldad Zitrin nickt, „das hat viel mit unserer Musik zu tun. Wir hoffen auch, dass man sie überall in der Welt verstehen wird, zumindest ein bisschen. Und wenn wir wiederkommen, vielleicht ein bisschen mehr“. Dann haben sich die Menschen vermutlich schon einen Film zu diesen irgendwie unentrinnbaren Klängen erdacht, so wie Irit Dekel und Eldad Zitrin auch. „Nicht ohne Grund“, sagt Dekel, „gibt es schon zu zehn dieser zwölf Lieder ein Video. Manche davon erinnern an den italienischen Neorealismus, an Fellini oder de Sica, andere eher an das Israel der Siebziger. Unsere Musik kommt mir selbst oft wie ein Soundtrack zu wechselnden Beziehungen vor, ob nun zwischen Mann und Frau, Mensch und Gott oder allem Anderen, was am Ende irgendwie mit Liebe zu tun hat.“
Das Einzige, was nicht zur bisweilen überirdisch schönen Musik dieser beiden Enthusiasten passen will, sind die Bad News, die uns wieder und wieder aus ihrer Heimat erreichen. Oder doch? „Wir verwenden die Instrumente unterschiedlicher Kulturen und verbinden sie mit Liedern, die vor fast100 Jahren in Israel entstanden“, sagt Zitrin. „Wenn das in der Musik funktioniert, dann gibt es eigentlich keinen besonders guten Grund, weshalb Menschen unterschiedlicher Kulturen und Ländern nicht dasselbe gelingen könnte.“ Ohne Konjunktiv wäre das ein noch viel schönerer Satz. Der Musik von Irit Dekel und Eldad Zitrin allerdings tun Fragezeichen gut. Oder wollen wir wirklich wissen, warum etwa diese Frau so unwirklich ergreifend singt? Na bitte!